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Bettina Wulff und die Netz-Reputation. Der digitale Streisand-Effekt.

Es klingt schon ein wenig verrückt. Die Gattin unseres Ex-Bundespräsidenten verklagt unter anderem Google, weil die Suchmaschine den Namen Bettina Wulff in den Suchergebnissen zusammen mit Begriffen aus dem Rotlichtmilieu anzeigt.

Nur zum Hintergrund: Seit einiger Zeit kursieren Gerüchte über eine mögliche Tätigkeit von Frau Wulff in besagtem Milieu. Ich will das hier bewusst nicht weiter benennen und dazu auch inhaltlich nicht Stellung nehmen. Ebenso verzichte ich auf Links zu Artikeln mit entsprechenden Gerüchten. Auch in der Überschrift habe ich einen neutralen Titel  gewählt. Mehr Seriosität kann man nun wirklich nicht verlangen.

Screenhot Google Instant bei Suchbegriff “Bettina Wulff”

 

Nun aber zum eigentlichen Thema: Frau Wulff (selbst Frau mit PR-Hintergrund) bzw. der Berater Spreng wollen nun also juristisch gegen Google vorgehen, weil die Suchmaschine den Namen Bettina Wulff in einem nicht gewollten Kontext verstärkt anzeigt. Da ich Herrn Spreng zutraue, die Folgen seiner Schritte genau abschätzen zu können, gehe ich von einer bewussten PR aus – vor allem vor dem Hintergrund des nun zu erscheinenden Buches von Frau Wulff. Mit Jauch den TV-Moderator Nummer 1 gleich mitzuverklagen passt dann ins Bild – somit wäre das Thema im Web, in TV und in Print gesetzt. Bravo! Gut gemacht.

Wie widersprüchlich und geradezu grotesk die Klage gegen Google ist, möchte ich an ein paar Punkten darstellen.

Der Streisand Effekt

Besser als Wikipedia kann ich den nicht erklären. Diese Beschreibung lässt sich so 1 zu 1 auf Bettina Wulff übertragen.

Wohlgemerkt: Beim Streisand-Effekt geht es erstmal um eine rein kommunikative Wirkung ohne jegliche technische Hintergründe. Diesen Streisand-Effekt muss man sich nun aber vor dem Hintergrund der digitalen Welt anschauen.

Suchmaschinen (z.B. Google)

Suchmaschinen produzieren selbst keinen Content. Sie zeigen auf Basis von Algorithmen Inhalte im Web priorisiert an. Man kann Google rein inhaltlich also schon mal nicht verklagen. Google selbst streut keine Gerüchte, redet nicht darüber. Google zeigt „fremden“ Content an.

Instant Search

Google vervollständigt mit dieser Funktion automatisch Suchanfragen schon beim Eintippen. Theoretisch schlägt Google also vor, was Nutzer am meisten suchen. An dieser Stelle bleibt es natürlich auch dem Algorithmus überlassen, was angezeigt wird. Frau Wulff erwartet mit dieser Klage nun, dass Google eine Verantwortung für diese Vorschläge übernimmt. Sie sozusagen filtert. Und zwar mit der Begründung, dass diese Form der Aggregation mehr ist als bloße Inhaltsanzeige, sondern eben ein inhaltlicher Filter.

Der Filter

Und genau an der Stelle wird es widersinnig. Frau Wulff verklagt praktisch eine Suchmaschine, weil diese Ergebnisse nicht richtig ausfiltert. Sie verlangt also von Google, die Neutralität in der inhaltlichen Bewertung aufzugeben und nach bestimmten Interessen auszusieben. Bisher tut dies ein Algorithmus (davon gehe ich hier aus). Würde Google nun bei spezifischen Inhalten eigene Bewertungen vornehmen oder sogar im Einzelfall Ergebnisse oder Vorschläge manipulieren, dann würde das eintreten, wogegen Bettina Wulff nun klagt. Nämlich eine bewusste inhaltliche Einflussnahme auf die Netz-Reputation durch Google. Die Ergebnisse wären nicht mehr rein User-generiert, sie würden durch einen Internetanbieter zusätzlich gefiltert.

Der digitale Streisand-Effekt

Gehen wir also aus von den neutralen rein durch User erzeugten Suchergebnissen und Suchvorschlägen aus. In diesem Fall wird jeder Blogeintrag, jede redaktionelle Erwähnung, jeder Tweet, jeder Link genau diese Suchergebnisse und damit auch Suchanfragen verstärken. In Zeiten von Microblogging und Facebook ist das eine ganz wesentliche Einflussgröße. Jede Redaktion stellt Artikel zu Frau Wulff und ihrer Klage aktuell auf Twitter und Facebook ein. Das sind Backlinks für eine Google-Bewertung mit großen Effekten. Frau Wulff hat – ich denke ja bewusst für Ihre Buch-Promotion – also das Thema noch einmal selbst medial aufgemacht. Und die für sie kritischen Suchbegriffe werden in nahezu jeder Erwähnung zu finden sein, allein um zu erklären, wogegen sie denn eigentlich klagt und was der Hintergrund ist. Genau das wird die Suchergebnisse und Vorschläge in Richtung des Thema bewegen.

Screenshot Google-Instant bei Suchbegriff “Bettina Wulff Prostituierte”: 1077 News-Einträge

Suchmaschinen-optimierte Kommunikation

Und noch etwas verstärkt diesen digitalen Streisand-Effekt. Mittlerweile richten sich redaktionelle Angebote, Blogger und andere Kommunikatoren in ihren Inhalten nach dem, was im Web gerade stark nachgefragt wird. Das tue ich hier auch ein wenig. Sprich: Wenn gerade über Bettina Wulff in Verbindung mit einem bestimmten Thema verstärkt geschrieben wird, dann springe ich auf, weil ich eine Chance habe, unter den Suchanfragen gefunden zu werden. Und in der Optimierung der Texte wird dann darauf geachtet, diese Suchbegriffe möglichst häufig und prominent (z.B. Überschrift) zu platzieren.  Darauf verzichte ich hier völlig, um die Idee des Artikels und dessen ernsthaftes Anliegen nicht zu konterkarieren.

Hier finde ich diese Betrachtung der Website von Herrn Spreng sehr interessant. Herr Spreng unterstützt auf seiner Website das, wogegen er nun vorgehen will. Ob er dies bewusst tut, lasse ich mal dahingestellt.

Dies ist für Frau Wulff der Teufelskreis. Die Anzahl der Inhalte und der Suchanfragen wird um ihr Problemthema nun extrem steigen. Das zwingt Google automatisch in die oben geschilderten Mechanismen. Dies wiederum erzeugt neue Inhalte und Suchanfragen.

Fürs Buch freilich ist’s gut. Und wie gesagt, ich traue vor allem Herrn Spreng zu, dies so einschätzen zu können. Ändert aber nichts an den geschilderten Mechanismen.

Was lernt man daraus?

Für Unternehmen und Institutionen lässt sich daraus etwas wesentliches ableiten. Der Streisand-Effekt muss vor dem Hintergrund der digitalen Welt noch mal verstärkt betrachtet werden. Es scheint mir eine wesentliche Aufgabe der Unternehmenskommunikation zu sein, sehr genau mit dem Wissen um Google & Co. abzuwägen, wann man bei kritischen Themen mitreden möchte. Dies ist auch der Grund, warum ich immer wieder sage, dass Mitreden bei Shitstorms für Unternehmen große Gefahren birgt.

Für mich bleibt es in der Krisenkommunikation dabei: Ein Krisen-Thema will ich schnell beenden. Also spreche ich da auch nicht lange drüber. Stelle eher meine Haltung prägnant dar. Um dann das Thema zu wechseln. Die digitale Welt liefert dafür nun noch mehr Gründe.

Dialog und Transparenz sind ganz sicher gewünscht. Und Unternehmen müssen sich auch mehr öffnen. Im positiven Falle wirkt sich diese Form der Kommunikation auch in Richtung der oben beschrieben Effekte positiv aus. Echte Krisen-Situationen aber müssen auch gesondert betrachtet werden. Wenn das Ziel ist, kein Engagement zu erzielen, dann handele ich eben nicht mit Methoden, die eigentlich für maximales Engagement gedacht sind. Nicht nur sozial gedacht, sondern auch mit Blick auf die technischen Einflüsse von Suchmaschinen und News-Aggregatoren wie Google.

Linkliste:

IT-Anwalt Thomas Stadler: Eine Suchmaschine verhält sich nie neutral
Jakob Augstein: Karriere eines Gerüchts
Stefan Niggemeier: Barbra Wulff?
Franfurter Rundschau: Bettina Wulff gegen Google
Sascha Lobo: Was Bettina Wulff mit Mettigeln verbindet

Nachträge:

1. spiegel online hat heute einen Artikel veröffentlicht, der thematisiert, dass Google Suchergebnisse und Instant teilweise doch beeinflusst. Natürlich lässt der Google Algorithmus Raum für eigene Geschäftsinteressen. Und letztlich ist er eine Blackbox. Wenn Google Suchergebnisse in Bezug auf Piraterie und Jugendschutz beeinflusst, dann sehe ich da eine rechtliche Basis. Gerüchte zu blockieren, deren Gehalt völlig unklar ist, ist in meinen Augen aber ein sehr persönliches Motiv. Dies würde eine Tür für jede Person des öffentlichen Lebens öffnen, bei Google direkt Einfluss auf Suchergebnisse zu nehmen. Damit würden wir ein großes Stück Neutralität aufgeben. Das Web würde zum juristischen Schlachtfeld. Im übrigen ist die Autocomplete Funktion aktuell nebensächlich, da Frau Wulff selbst mit ihrem Buch dafür gesorgt hat, dass die Suchergebnisse nahezu ausschließlich die Gerüchte thematisieren – auch unter ihrem Namen ganz allein. Zudem führt Google die Nutzer im Moment hauptsächlich auf redaktionelle Angebote, nicht auf Blog-Gerüchte.  

2. Ein Blick in Google Insights for Search zeigt, dass das Thema so gut wie nicht mehr existent war in den Google-Suchanfragen der letzten Monate. Das gilt auch für Bettina Wulff als Suchbegriff ganz allgemein:

Entwicklung Google Suchanfrage für “Bettina Wulff Prosituierte”

 

zur Agentur-Website der Online PR Agentur HenneDigital

{ 6 comments… add one }

  • Torsten 10. September 2012, 11:20

    Wenn man die Rotlicht-Begriffe bei Google Insights for Search eingibt, stellt man fest, dass sich eigentlich niemand mehr dafür interessiert hatte (Langzeitbetrachtung 2004 bis heuet). Erst mit den beiden gerichtlichen Schritten poppte das Thema wieder auf (die letzten 30 Tage): http://bit.ly/Oj5SS8
    Der Streisand-Effekt gilt tatsächlich neu zu definieren. Werde das für unsere Workshops und für mein Buch mal in Angriff nehmen….

  • Christian Henne 10. September 2012, 12:02

    Danke Torsten. Ich habe das mal noch als Nachtrag ergänzt. Gleiches Ergebnis erhält man bei Bettina Wulff als Suchbegriff ganz allgemein. Sieht entweder nach großer Unkenntnis oder großer Planung aus.

  • fschuetz 11. September 2012, 12:35

    Der Blick in Google Insights for Search ist wirklich superspannend. Ich weiss nicht, ob man bei so Menschen wirklich von Unkenntnis ausgehen kann. Max Mosley bringt sich ja aktuell auch gegen Google in Stellung.

    Bei Yasni ist Bettina Wulff aktuell jedenfalls nicht bei den meist gesuchten Namen auf der Startseite. Und wenn man dann nach ihr sucht, stehen “Google”, “Vorleben” und “Klage” und “Verleumdung” gross in der Tagcloud. ;-)

    Allerdings frage ich mich persönlich ernsthaft, wer sich für das Buch von Frau Wulff interessiert…

  • Christian Henne 11. September 2012, 13:55

    Man kann nun – wie auch Sascha Lobo in seiner aktuellen Kolumne auf spiegel online (siehe Linkliste im Artikel) – darüber diskutieren, wie Google seine Algorithmen aufsetzt, was das Ranking beeinflusst und nach welchen Faktoren Google Instant funktioniert. Was man aber nicht wegdiskutieren kann ist, dass Google aktuell genau den Bezug zu Bettina Wulff herstellt, der der öffentlichen Realität entspricht. Es ist DAS Thema. Und genau das ist doch der Sinn von Suchmaschinen.

    Interessanterweise führen die Ergebnisse mit Google Autocomplete fast ausnahmslos auf redaktionelle Quellen. Da geht es gar nicht darum, dass man Gerüchte streut, sondern dort wird ein Buch thematisiert, in dem Frau Wulff selbst den Bezug zum Rotlichtmilieu herstellt.

  • Jan 11. September 2012, 15:24

    ein Kollege hat mich auf den wahrscheinlichen Ursprung aufmerksamk gemacht – das Tagging bei Amazon: http://www.amazon.de/tag/prostitution?ref_=tag_dpp_cust_itdp_t&store=1

    Dort hat das Buch über 180 mal den Tag “Prostitu….” bekommen und rangiert damit in einer Liste mit Büchern aus Erotik-Branche. Kein Wunder also, dass Google diese Begriffe vorschlägt!

  • fschuetz 19. September 2012, 12:20

    Unser Support hat auch noch mal seine Meinung zu dem Thema in einem Blogbeitrag zusammengefasst. Haben euch natürlich auch noch mal verlinkt. ;-)

    Fazit:
    Ruhe bewahren, die Diskussion nicht befeuern (Streisand-Effekt!), Einträge, die nur unangenehm, aber nicht strafrechtlich relevant sind, zähneknirschend dulden, und gegebenenfalls dafür sorgen, dass die „guten“ Einträge in den Suchmaschinen ganz oben stehen.

    http://blog.yasni.de/personen/bettina-wulff-und-die-woelfe/

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