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Die Litfaßsäule unseres Lebens. Was Facebook beweist und was das mit Medienkompetenz zu tun hat.

Gestern hat Mark Zuckerberg das neue Facebook vorgestellt. Unter dem Namen „Timeline“ wird Facebook seine Anmutung komplett verändern. Seitdem diskutieren die Experten darüber, ob dies nun die nächste Internetrevolution sei, welchen Vorteil dies in Bezug auf Google+ bietet und ob wir in diesem Wirrwarr von Feeds, Timelines, Blogs und Notifications überhaupt noch zurechtkommen.

Damit will ich mich gar nicht befassen. Mir geht es um den deutschen Durchschnittsbürger, der mittlerweile im Internet angekommen ist und zunehmend den Weg in die sozialen Netzwerke findet. Ob nun Jugendlicher oder SilverSurfer. Dieser Nutzer ist kein Digital Native, kein Social Media Junkie. Er nutzt die neuen Möglichkeiten nur für soziale Verbindungen, um seine Meinung auszudrücken oder auch online einzukaufen.

Und genau diesem Nutzer beweist Facebook nun das, wovon einige schon länger im Zusammenhang mit dem Internet sprechen. Das digitale Gedächtnis und die dafür nötige Medienkompetenz. Denn was ist neu am neuen Facebook?

Eigentlich ist es ganz einfach: Facebook macht einen Großteil der im OpenGraph gespeicherten Informationen für alle sichtbar. Ich möchte dies an meinem eigenen Profil darstellen:

Meine aktuellen Aktivitäten:

Sieht eigentlich harmlos aus.  Das gab es auf der Pinnwand aktuell ja auch schon.

 

 

Interessanter wird es schon hier:

Facebook listet rückblickend auf, was ich getan habe (hier im September). Also das gleiche wie oben, nur sind nun auch Dinge, die bisher schnell von der Pinnwand verschwanden weiterhin sichtbar. Da ist ein von mir geteiltes Video drin, ein Ort, an dem ich eingecheckt habe, und Posts, inkl. Aller Kommentare.

Noch einmal: Damit sieht jeder auf meinem Profil alle Kommentare fremder User. Solltet Ihr also irgendwo kommentieren, so ist dies nun auf den entsprechenden Profilen anderer dauerhaft sichtbar.

Gut, dies sind nur die Dinge, die ich aktiv hineingeschrieben habe. Schauen wir mal nicht nur ein paar Wochen, sondern Jahre zurück.

Hier wären aus 2009 die Bilder Uploads und Posts. Da sind auch Dinge drin, die beruflicher Natur waren – und zu denen ich heute keinen Bezug mehr habe. Vielleicht möchte ich mit diesen Sachen auch gar nicht mehr in Verbindung gebracht werden?

Das gute hier: Da Facebook mir die Inhalte noch einmal übersichtlich anzeigt und mir die Option zur Löschung gibt, habe ich auch rückblickend eine gewisse Kontrolle.  Ich kann sogar entscheiden, ob ich das ganze aus der Chronik nehmen will, also aus der für andere sichtbaren Anzeige (so verstehe ich es aktuell). Oder ob ich den Beitrag komplett entfernen möchte. Gute Sache, finde ich.

 

Meine Lebensgeschichte.

Facebook bietet nun an, wichtige Ereignisse des eigenen Lebens aufzulisten. Diese werden dann zeitlich in der Timeline zugeordnet.

Aber mehr noch. Facebook zieht auch aus den bisher schon eingestellten Infos entsprechende Daten. Ihr habt Eure beruflichen Stationen angegeben? Facebook listet das auf. Ihr seid umgezogen? Facebook listet das auf.

Wie gesagt, alles Dinge, die schon da waren. Nur jetzt deutlicher sichtbar werden.

Was will ich damit sagen?

Facebook beweist mit seiner neuen Timeline, dass das Netz nichts vergisst. Dass man seine digitalen Fußspuren hinterlässt. Und dies wird nun ganz offensichtlich. Vielen dürfte dies erstmal Angst machen. So nach dem Motto: „Waaas? Woher hat Facebook diese Daten? Warum zeigen die das einfach an?“

Ganz einfach! All diese Daten sind verfügbar. Und dies nicht nur bei Facebook. Es gehört zum digitalen Lifestyle dazu, sich bewusst zu werden, dass sämtliche Informationen im Web verbleiben. Insofern hat die neue Facebook Timeline etwas Erzieherisches.

Wir müssen uns bewusst werden, wie wichtig Medienkompetenz für uns selbst, aber auch für die Kinder und Jugendlichen ist. Man kann dieses digitale Gedächtnis wunderbar nutzen, um seine eigene Reputation zu stärken und damit auch beruflich zu profitieren. Es dürfte nun aber deutlicher werden, dass dieses Gedächtnis auch zum Nachteil werden kann. Es ist naheliegend, dass Arbeitgeber zukünftig noch stärker auf die Facebook Profile ihrer Mitarbeiter und Bewerber gehen werden. Und dort wird sich vermutlich ein recht vollständiges Bild einer Person ergeben. Positiv wie negativ.

Und dieses Bild wird Entscheidungen beeinflussen. Auf jeden Fall wird deutlich, wer über eine entsprechende Medienkompetenz verfügt und wer nicht. Und diese Kompetenz dürfte zukünftig wichtiger werden in der persönlichen und beruflichen Fortentwicklung.

Mein persönlicher Appell

Ganz privat muss jedem bewusst sein, wie nachhaltig kritische Meinungen, persönliche Anschuldigungen und Beleidigungen sein können.

Mir gefällt dieses Bild: „Schreibe nur ins Netz, womit Du an der Litfaßsäule um die Ecke leben könntest!“

Genau deshalb mache ich mich an dieser Stelle wieder einmal stark für eine entsprechende Ethik und Moral im Umgang mit dem Internet. Dies ist die Verantwortung des Einzelnen – und und auch der Gesellschaft insgesamt. Es wäre wünschenswert, dass Interessenvertreter der digitalen Welt dies zu einem Teil ihrer Programmatik machen würden.

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zur Agentur-Website der Online PR Agentur henne.digital

 

{ 19 comments… add one }
  • Christina Hütten 23. September 2011, 15:23

    Das hört sich jetzt aber so an, als wären nach der Umstellung plötzlich alle bisherigen Posts öffentlich sichtbar. Einen Nutzer, der nicht so in der Materie ist könnte das verunsichern. Ich habe heute morgen auf die neue Variante umgestellt und bei mir sind die Posts und auch alle Aktivitäten etc. nur für Freunde sichtbar.

  • Christian Henne 23. September 2011, 15:29

    Sicher ist es möglich, die Privatsphäre-Einstellungen so zu wählen, dass zunächst nur bestimmte Usergruppen bestimmte Dinge sehen können. Der einzelne User kann aber nicht bestimmen, welche Privatsphäre-Einstellungen seine Freunde wählen. Unabhängig davon sind diese Dinge existent und könnten bspw. durch Veränderungen von Facebook selbst öffentlich gemacht werden. Auch unabhängig davon sind im OpenGraph alle diese Daten enthalten und werden bspw. bei den meisten Apps und Anwendungen mit übergeben. Meine Aussage ist, dies alles wird nun in der Timeline deutlicher.

  • Christian Buggisch 23. September 2011, 18:54

    Natürlich hast du Recht beim Thema Medienkompetenz. Ich glaube nur nicht, dass die Facebook-Timeline die Medienrevolution ist, die nun den nötigen Kompetenzschub bringen wird. Ich weiß ehrlich gesagt überhaupt nicht, was ich mit dieser Timeline anfangen soll. War der Charme der sozialen Medien bisher nicht, dass es zum einen sehr flotte Echtzeitkommunikation war, zum anderen aber auch sehr beiläufig. Man hat mal reingeschaut und gut war’s, man hat nie länger als eine Seite zurückgescrollt, man hat immer eine kurze Momentaufnahme bekommen, und wenn der Moment vorbei war, war auch die Aufnahme weg. Und jetzt will FB diese Beiläufigkeiten in Stein meißeln für die Ewigkeit. Nur für wen? Wer will und braucht das? Ist nicht ganz dein Thema, ich weiß …

  • Meike Leopold 25. September 2011, 16:00

    Das Ganze auch eine interessante Quelle für Online-affine Personaler sein, die den offiziellen LL mal abgleichen wollen mit Profil im Netz – Vorsicht ist also auch in dieser Hinsicht geboten

  • gerd 25. September 2011, 22:54

    wer das braucht? z. b. anwendungen/apps wie „Identified“, um damit richtig geld zu verdienen. die können garnicht genug persönliche daten kriegen:
    http://www.forbes.com/sites/tomiogeron/2011/09/19/identified-launches-its-people-ranking-professional-search-engine/

    das bild mit der litfasssäule finde ich amüsant. es geht schon längst nicht mehr darum, was *ich* publiziere. solange ich nicht vollständige kontrolle darüber habe, was *andere* über mich posten und oft unwissentlich an die plattformen übertragen, hilft mir medienkomptenz wenig. stichwort „synchronisieren von adressbüchern“. das ist doch das eigentliche problem, das geflissentlich ignoriert wird, weil es niemand anpacken und lösen kann.

  • Christian Henne 26. September 2011, 07:33

    @Meike: sehr wichtiger Punkt. spiegel online schrieb ja auch schon, dass Menschen nun ihre eigene Biografie auf Facebook schreiben könnten. Ob sie nun in allen Punkten stimme oder nicht. Aber wie Du richtig sagt: Wenn da etwas nicht deckungsgleich ist, dann kann es Fragen und Misstrauen geben. Der ein oder andere wird sicher darüber nachdenken, mal einen Auslandsaufenhalt hineinzuschreiben…

    @Gerd: Ich habe hier bewusst keine Datenschutz-Diskussion aufgemacht, sondern mir ging es um das, was in der Verantwortung des Einzelnen liegt. Wenn ich ständig auf Facebook schreibe, dass ich meinen Rausch ausschlafen musste – und das evtl. noch mit Bilder versehe – dann brauche ich keine Datenschutz-Diskussion mit Facebook zu führen. Ich muss selbst richtig agieren. Und am besten noch dafür sorgen, dass meine Freunde dies auch tun. Auch Facebook kann nur nutzen, was an Content geschaffen wird. Apps und die Synchronisierung von Adressbüchern sind ein spezielles Thema. Aber auch hier bin ich der Meinung: Je mehr Wissen ich habe, was dies bedeutet, um so besser kann ich damit umgehen. Das ist für mich auch eine Frage von Medienkompetenz. In Unternehmen werden genau dafür hilfegebende Richtlinien für Mitarbeiter entwickelt.

    Dass Facebook unabhängig davon in einigen Punkten datenschutzrechtlich kritisch zu bewerten ist, ist den meisten klar denke ich. Da sind wir uns einig.

  • sensiblo chamaeleon 6. Februar 2012, 13:17

    wie stand da auf der einen wand „vieles muß man im leben freiwillig“.
    wellen von protesten, design- und datenschutz-diskussionen haben die fb geschichte mitbestimmt. zum beispiel die initiative von https://www.facebook.com/eversusf?sk=wall ist durchgekommen.
    in https://www.facebook.com/groups/323441564697 findet ihr weitere denkansätze, zusatzinfos, gespräche und links aus den vergangenen 2 jahren design- und datenschutzänderungen auf fb. fb stellt alte fragen neu. ich finde einige aspekte des neuen designs sinnvoll, zb die tendenz von aktualität zu erinnerung, von oft viel zu schnell rasendem echtzeit-stil zur leichteren zugänglichkeit älterer posts , die ja vorher auch gespeichert wurden. inwiefern das lange speichern sinnvoll ist, bleibt fraglich und muß dem user überlassen werden. wenn user das wollen, sollen sie ihr profil so einstellen können, daß alle einträge nach einer bestimmten zeit effektiv gelöscht, d.h. zum beispiel mit zufallsmustern aus nullen und einsen mehrfach überschrieben werden. ich erinnere hier an den einsatz von festplattenschreddern durch große konzerne oder auch privatkunden. es darf kein fragwürdiger pädagogischer druck ausgeübt werden, sich mit seiner online vergangenheit zu beschäftigen. anzeichen eines digitalen totalitarismus im harmlosen gewand sollten ernstgenommen werden. – das timeline design hat auch etwas mit benutzerfreundlichkeit, usability, vergeßlichkeit und aktualitätswahn zu tun. die aktuellen designänderungen machen die daten, die im alten design durch oft auf „ältere beiträge anschauen“ klicken, auch schon vorhanden waren, einfacher zugänglich. jedoch finde ich diese designänderung im vergleich zu wirklich krassem mist der passiert relativ erträglich, timeline hat auch ein paar gute aspekte und insgesamt ist fb sehr praktisch und inspirierend. es gäbe noch mehr zu hinterfragen: sind die kriterien, nach denen edgerank die nachrichtenauswahl auf der startseite trifft, gut? die tatsache, daß relativ viele NGOs und kritisch, nicht regierungskonform denkende menschen auf fb ihre meinung kundtun, sagt noch nichts darüber, wo deren posts dann irgendwann landen und was sie bewirken. warum wird in edgerank Σuwd delay d so stark gewertet? zeitverzögerung bzw. aktualität ist in information retrieval kategorien gesprochen nur eines von hunderten qualitätskriterien!! fb könnte z.B. vom design her auch von secondlife http://secondlife.com/ lernen ( hat sich da ja schon ein paar programmierer geholt http://www.insidefacebook.com/2011/11/15/facebook-mailran/) , die chronologische anordnung durch eine netzförmige oder thematisch sortierte mit vielen richtungen ersetzen, farbgebung, layout, typo, schaltflächendesign, UI ändern usw (weitere design inspirationen : http://www.oneview.de/user/debugging_im_alltag/tags/webdesign/ http://sensiblochamaeleon.wordpress.com/2008/12/19/uberlegungen-und-ideen/ http://sensiblochamaeleon.wordpress.com/2010/05/24/social-infographics-visualisieren-von-sozialen-netzwerken/ http://sensiblochamaeleon.wordpress.com/2009/11/04/wir-mischen-wieder-mal-den-kunstmarkt-auf/)….das is alles sone sache und wird von vielen kriterien beeinflußt….dann reagieren wieder viele leute genervt weil sie sich an ein bestimmtes design gewohnt hatten und mit änderungen nicht klarkommen….wie die leute in pflegeheimen, die an bezugspflege gewohnt waren und sich nicht an oft wechselndes zeitarbeitspersonal gewöhnen können…..problematisch ist die einstellung vieler leute, die fb erst mit massenweise privaten daten füttern und das dann wieder nicht wahrhaben wollen. aus irgendeinem grund lande ich immer wieder beim fb design auch wenn ich mich mit dem wesen von medienmultiplikatoren an sich und mit der vernetzung in- und außerhalb von fb beschäftigen könnte. facebook, das sind 800 millionen leute, programmiererInnen von außerhalb und nicht nur die in den fb firmengebäuden oder? vielleicht läßt sich vieles gerade deshalb am fb design festmachen, weil hier mmi (mensch-maschine-interaktion), webdesign, debatten über auswüchse von schädlichem einfluß durch kommerzialisierung und marketing, manchmal fehlendes geschichtsbewußtsein, theologie der elektronischen ersatzreligionen, machtfragen, medienpädagogik, publizistik, medientheorie, politologie, benutzerfreundlichkeit, vergeßlichkeit, massenpsychologie, soziologie, fotografie, film, kommunikationsdesign, informatik,fb neusprech linguistik und hunderte andere wissenschaften zusammenlaufen. deshalb sind ja auch so viele leute „dort“, insbesondere auch viele studenten. aber fatal! wie beziehungen mittlerweile von algorithmen und computern bestimmt werden! und rastergenormte und von potentieller überwachung deformierte dialoge entstehen. aktuelle ansatzpunkte für weitere designänderungen (aufschrei gewisser leute bei diesem wort): fortschritt als schritt fort, als fortrasen ? hat die kultur nun endlich den technischen fortschritt eingeholt? sowieso, da maschinen kunstwerke sind. siehe auch wortbedeutung von altgriechisch „mechane“ und „techne“. eine bestimmte strömung der fb-developer will, daß fb blog und twitter zugleich ist. wegrennen vor der eigenen geschichte ? den umfragen zufolge sind die meisten facebookianer gegen das timeline design. es gibt, wie bei allen protestbewegungen, auch leute, die sich den no-timeline-protestbewegungen aus herdentrieb zum unreflektierten mitgrölen anschließen, einfach um auch dagegen zu sein, weil es hip ist, dagegen zu sein. diese leute werden bei fb bleiben, wenn timeline zwingend werden sollte. hier gibt es riesige betätigungsfelder für marketing- und andere psychologen und sektenberatungsstellen. das größte manko der timeline kann auch als für den datenschutz sinnvoll erachtet werden:zur eigenen geschichte gehörende kommentare bei anderen und andere useraktionen sind auf der eigenen timeline(profil pinnwand)ausgeblendet.läßt sich das anders einstellen? .die deutsche geschichte ist geprägt von zwei weltkriegen und totalitären regimes, deshalb sind viele deutsche besonders empfindlich für datenschutz, oder auch nicht, wenn er schleichend umgangen wird. an fb läßt sich medienkompetenz bis hin zu webdesign medienwissenschaft kommunikationswissenschaft publizistik kybernetik soziologie und sowas lernen.metaphern, die fb in zukunft UMSCHREIBEN könnten : soziales netzwerk, starkes medium um musiker und künstler zu fördern, verkaufsmaschine, größter geheimdienst aller zeiten, kommunikationsplattform, ort für begegnung, inspiration und gedankenaustausch, fotocommunity, ersatzreligion, datenhändlerzentrum, treffpunkt für überwachte pseudokommunikation, megasekte,elektronische kirche, staatliches kontrollorgan in privater hand, werbeträger, medienmultiplikator. wie sich facebook verändert, hängt von allen ab, und natürlich vom engagement bei https://developers.facebook.com/docs/opengraph/ und vom börsengang.

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