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Pro Isartrails Facebook Initiative: So geht digitaler Bürgerdialog

Was wird im Web aktuell nicht alles zu Social Media als Kommunikations- und Marketing-Fläche für Unternehmen geschrieben. Ich gebe zu, in gewisser Weise verdient auch HenneDigital sein Geld damit. An dieser Stelle möchte ich aber mal einen Case darstellen, der einer rein privaten Initiative entspringt und nun wirklich als Beispiel für die Bedeutung des Social Webs taugt:

Ich habe im August 2011 die Pro Isartrail Biking Initiative auf Facebook ins Leben gerufen. Diese Initiative soll dabei helfen, dass das Mountainbiken auf den Isartrails in München weiterhin möglich ist.

Pro Isartrail Biking Initiative auf Facebook

Um diese Sache zu verstehen, muss man die Hintergründe kennen, die ich schnell schildere:
Seit einigen Jahren tobt hinter den Kulissen ein Kampf zwischen Naturschützern und Radsportlern um die Isartrails. Die Naturschützer argumentieren, dass das Biken auf den Isartrails die natur dort massiv schädige. Die Radsportler argumentieren, dass das Mountainbiken auf diesen Trails minimalen Einfluss auf die Natur nimmt und der Tourismus und der Forst mit seinen großen Maschinen wesentlichen größeren Schaden anrichten. Die Stadt München steht dazwischen. Sie sieht den Naturschutz, hat aber vor zwei Jahren selbst eine Radlhauptstadt-Kampagne ins Leben gerufen und will es sich mit den tausenden Radlern in München nicht verscherzen.

Im Jahr 2009 wurde in Grünwald auf Intervenieren der Naturschutzverbände hin ein ehemaliger Bombenkrater gesperrt, der lange Zeit als Eldorado für ein paar Biker galt. Im Ergebnis standen mehrere Biker irgendwann vor den Rathaus und haben demonstriert, nachdem die Entscheidung gefallen war. Das will die Stadt in Bezug auf die Isartrails unbedingt verhindern.

Zur Initiative:

Als die Diskussionen vor einem Jahr wieder stark aufflammten, rief mich Tobias Hild, Geschäftsführer der SQlab GmbH, an (Kunde der Agentur) und fragte, was man denn von unserer Seite da unternehmen könnte. Man muss dazu sagen: Tobias Hild ist quasi an den Isartrails aufgewachsen und hat sein ganzes Leben dem Radsport gewidmet. Für ihn sind die Isartrails eine Herzensangelegenheit.

Ich habe ihm damals vorgeschlagen, eine Facebook-Seite als Unterstützer-Plattform aufzubauen. Und dies aus verschiedenen Gründen:

Verbände sind gut und wichtig, um Lösungen und Kompromisse auszuhandeln. Ihre öffentliche Bedeutung aber ist stark eingeschränkt.

  1. Die meisten Mountainbiker sind nicht in Vereinen oder Verbänden organisiert
  2. Die Diskussionen um die Isartrails fanden in zig Radsportforen statt. Aber sie waren zersplittert. Es gab bis dahin keine öffentliche Plattform, die die Biker zusammenführt
  3. Auf einer Facebook-Seite können Isartrail-Biker per LIKE ein Statement in Sachen Unterstützung abgeben
  4. Eine Facebook-Seite bekommt aber einer gewissen Größenordnung eine echte Bedeutung als potenzielles Risiko. Sie baut Druck auf.

Der Verlauf

Ich habe die Seite also am 1. August 2011 ins Leben gerufen. Die SQlab GmbH hat mit ihren Kontakten mitgeholfen, schnell ein paar Unterstützer zu gewinnen. Und dann hat eine Dynamik eingesetzt, die wir selbst so nicht erwartet haben. Münchner Fahrradhändler, Medien, ja sogar die ISPO Bike haben zur Unterstützung unserer Seite aufgerufen. Natürlich auch getrieben durch geschäftliches Interesse.

Beispiel für die Unterstützung durch einen Münchner Radhändler

Wir hatten nach einigen Wochen über 1.000 Fans auf der Page. Die waren aber eben gleichzeitig auch aktive Unterstützer. Parallel hat die Stadt zusammen mit den verschiedenen Interessengruppen an einem Kompromiss hinter verschlossenen Türen gearbeitet. Das wussten wir so gar nicht. Und jetzt wird es interessant:

Bei 2.000 Fans (das war vor einigen Wochen) kam der Anruf der Stadt. Man wolle sich mal mit uns unterhalten. Warum?

Aus den genannten Gründen: Die Stadt hat mit allen Verbänden (Radfahrer wie Naturschützer) eine Resolution ausgearbeitet, die ein kooperatives Miteinander festschreibt und statt Verboten und Sperrungen auf die Selbstregulierung der Isartrails-Biker setzt. Dazu arbeitet man einem Konzept für alternative Umfahrungen von besonders betroffenen Bereichen der Isartrails.

Aber man ist sich bewusst, dass die meisten Biker nicht organisiert sind und dementsprechend auch nicht über Verbände oder Vereine erreicht werden können. Oder anders gesagt: Man weiß, dass man Facebook braucht und das die Pro Isartrail Biking Initiative ein ganz wichtiger Faktor für die Einbindung der Biker sein kann.

Nach der Pressekonferenz, auf der die Resolution vorgestellt wurde, war in einigen Medien auch davon zu lesen, dass man die nicht organisierten Biker mit einer Kampagne über Facebook erreichen wolle. Die Welt Kompakt hat die Initiative sogar explizit vorgestellt.

Die Welt Kompakt vom 9.Mai 2012 zum Thema

Lustige Anekdote: Als ich auf der Pressekonferenz eher am Ende nach all den Verbandsargumenten und alternativen Überlegungen mal ins Spiel gebracht habe, dass ohne die Einbindung und damit Akzeptanz der ganzen unorganisierten Radler die ganze Planung sehr wackelig wäre, sagte eine Gemeindepolitikerin: „Sagen Sie mal Ihren Leuten, dass die sich auch mal richtig verhalten müssen“. Ich habe dann allen erklärt, dass die mittlerweile über 2.500 Isartrails-Unterstützer auf Facebook nicht „meine Leute seien“ und ich so gut wie keinen persönliche kenne. Es gab leichtes Gelächter im Saal…

Mein Fazit:

Facebook taugt hervorragend für einen aktiven Bürgerdialog gerade bei lokalen und kommunalen Themen. Die Relevanz und Identifikation ist einfach enorm hoch. Die Politik (nicht nur die Piraten) hat hier enorme Chancen, Bürger einzubinden und somit Akzeptanz für ihre politischen Vorhaben zu schaffen. Ja vielleicht sogar Lösungen zusammen mit den Bürgern zu erarbeiten.

Solche Initiativen haben zudem die Chance, auch gesamtmediales Interesse zu wecken und damit echte kommunikative Power zu entwickeln.

Wenn die Politik das nicht aktiv gestaltet, dann werden dies die Interessengruppen tun. Diese Initiative ist ein Beispiel dafür.

Zur Facebook-Seite der Initiative

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zur Agentur-Website der Online PR Agentur HenneDigital

 

{ 7 comments… add one }
  • Anita Posch 10. Mai 2012, 13:50

    Hallo Christian,

    danke für diese Zusammenfassung der Geschehnisse. Als Social Web Beraterin und Mountainbikerin finde ich diese Geschichte ganz toll. Ich habe die Diskussion über die Isartrails immer nur in den Print Magazinen mitbekommen. Was hätte ich da schon groß beitragen können? Durch mein „Gefällt mir“ habe ich sogar hier aus Österreich einen kleinen Beitrag leisten können.
    Beste Grüße, Anita

  • Christian Henne 10. Mai 2012, 15:17

    @Anita: Das freut mich. Man muss aber erwähnen, dass an dem jetzigen Kompromiss vor allem die Verbände mit der Politik beteiligt waren. Solche Dinge macht man ja dann doch eher hinter verschlossener Tür. Ich glaube, dass auch unsere Seite mit dazu beigetragen hat, dass ein Kompromiss auch im Sinne der Biker gefunden werden konnte. Die Zukunft wird zeigen, wie sehr die Stadt nun die Biker auch über Facebook an den alternativen Planungen beteiligen möchte. Wir haben bereits etwas erreicht, die Stadt allerdings hat das noch vor sich.

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