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Schlaglöcher statt Prism und Tempora bei Jauch. Alles #Neuland?

Gestern Abend 21:45 Uhr. Günther Jauch ist „on air“. DAS Thema der Woche? Die Überwachungsprogramme Prism und Tempora. Das Thema der Talkshow? „Die Schlagloch-Republik – geht Deutschland kaputt?“

Ein hochpolitisches und digitales Thema schafft es nicht in DIE deutsche Talkshow zur besten Sendezeit. Stattdessen ein sommerlochartiges Boulevard-Thema.

Woran liegt das? Alles #Neuland? Der Versuch einer Analyse:

Es ist der 19.06.2013; Angela Merkel betritt (für sie?) unbekanntes Terrain und tauft es auf den Namen #Neuland. Die Ureinwohner sind empört. Und der Rest der Welt? Den lässt das eigentlich ziemlich kalt. Nimmt man das Zitat als Ganzes, dann merkt man ziemlich schnell, unsere Bundeskanzlerin versuchte im Rahmen des Obama Besuchs eine Begründung für Überwachungsprogramme á la PRISM zu finden.

Das Internet ist für uns alle Neuland, und es ermöglicht auch Feinden und Gegnern unserer demokratischen Grundordnung, mit völlig neuen Möglichkeiten und völlig neuen Herangehensweisen unsere Art zu leben in Gefahr zu bringen.“

Gehen wir bei einer so medienerfahrenen Politikerin einmal davon aus, dass dieser Satz, zumindest im Hinblick auf die rechtlichen Möglichkeiten staatlicher Überwachung, schon mit einem gewissen Kalkül gesprochen wurde. Dass das Internet in Sachen Sicherheits- und Rechtspolitik tatsächlich Neuland ist, wird kaum jemand bestreiten.

Eingeborene, Einwanderer, Neuland.

Gemessen an Merkels Ziel- und Altersgruppe liegt sie mit dem Begriff #Neuland auch gar nicht so falsch. Immerhin gibt es in Deutschland noch immer 20% „Nonliner“ und viele Internetnutzer sind gesetzteren Alters, wie Robert Vossen sehr schön darstellt. Auch zu Begriffen wie „Digital Immigrants“ und „Digital Natives“ passt der neue Name Neuland für das Internet sehr gut. Eingeborene, Einwanderer, Neuland. Klingt irgendwie logisch.

Wer sich über Merkels Wortwahl aufregt und anhand von (zugegeben teilweise ziemlich gelungenen) Memes lustig macht, das ist diese eingeborene Bevölkerung von Neuland. Die macht aber gerade mal knapp 35% der Internetnutzer aus. Zudem sind genau Datenschutz- und Sicherheitsbedenken Hauptgründe für die Zurückhaltung anderer Nutzer. ((N)onliner Atlas 2013)

Wie schafft es dann ein Thema wie Neuland in die klassischen Medien?

Twitter als Quelle noch vor Pressesprechern

Gut die Hälfte aller Journalisten weltweit bezieht Informationen inzwischen von Twitter. Damit liegt der Microbloggingdienst bei der Recherche für eine Story nicht nur auf Platz 1 der Online-Medien, sondern sogar noch vor offiziellen Pressesprechern. (Oriella Digital Journalism Study 2013). Das ist sehr erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Twitter  kein Kanal mit massenhafter Reichweite ist – in Deutschland schon gar nicht. Twitter hat also gemessen an der gesamtgesellschaftlichen Bedeutung eine überproportional große Rolle für die Medienwelt. Dies sollte Sprecher von Unternehmen und Institutionen aufhorchen lassen.

Online Journalism Sourcing

Die netzaffinen Journalisten sehen sich dabei mit Nachrichten in Echtzeit konfrontiert. Die Geschwindigkeit der Kommunikation hat sich mit dem Internet so rapide gesteigert, dass der erste Twitter-Spott wohl kaum eine Minute nach Merkels Äußerung schon durch die Kanäle raste. Auch die Frequenz wurde durch die sozialen Medien, gerade durch Twitter enorm erhöht. Ein Retweet sind nur zwei Klicks; eine „impulsgetriebene Kommunikation“.

Das macht es schwierig die Daten zu validieren und das ist auch DER Kritikpunkt an den meisten Onlinequellen. Die Geschwindigkeit macht das Netz der Überprüfung aber auch weitmaschiger: Durch die virale Verbreitung von Themen im Internet ist die Bedeutung der ersten Information, „der originären Nachricht“, enorm gestiegen. Jeder will der erste sein und der Druck ist enorm.

Klassische Medien erfüllen immer noch eine Gatekeeperfunktion

 Ja, richtig gelesen. Zwar haben die Massenmedien keine Kontrolle mehr darüber, welche Nachrichten in die Öffentlichkeit dringen, sie können aber ohne Probleme noch steuern, welche Nachrichten zu einer großen Schlagzeile werden. Zur Verdeutlichung noch ein paar Zahlen:

In der Umfrage „ARD Trend 2012“  geben 88% der Befragten das Fernsehen als wichtigste Informationsquelle an. 69% sagen das auch über Tageszeitungen. Nur ein kleiner Teil der deutschen Bevölkerung nutzt das Internet für etwas anderes als Shopping, E-Mails abrufen, oder Youtube-Videos gucken. Diejenigen, die sich dann auch noch über aktuelle Themen im Internet informieren, tun dies vorrangig auf Nachrichten-Seiten der klassischen Medien wie spiegel.de, bild.de oder computerbild.de.

Warum es #LSR und #Prism nicht ganz nach oben schaffen. 

Diese abgewandelte Form des Gatekeepers ist auch ein Grund, warum niemandes Mutter weiß, was das Leistungsschutzrecht ist. Da die Verlage wohl nicht wollten, dass sich die breite Öffentlichkeit an der Diskussion um das Leistungsschutzrecht beteiligt, konnte #LSR nie so ins Rampenlicht treten wie #Neuland. #Aufschrei dagegen wurde von den Massenmedien als großes Thema innerhalb der Onlinecommunity erkannt, in den Beiträgen von Zeitungen und Fernsehen aufgenommen und so über die Grenzen des Internets bekannt gemacht. Dadurch entstand eine gesamt-gesellschaftliche Debatte. Und zurückkommend auf Jauch darf man zumindest erwähnen, dass die ARD ein öffentlich-rechtlicher Sender ist und #Prism und #tempora in gewisser Form staatstragende Themen sind.

Zum Schluss noch etwas fröhlicheres: SIXT hat vor Kurzem gezeigt, dass Netzthemen auch über die Werbung nach außen transportiert werden können. Dabei spielt natürlich die Ernsthaftigkeit, bzw. die Nichtexistenz derselbigen, eine große Rolle.

sixt_Neuland

Apropos Ernsthaftigkeit: Wenn Webworker über Neuland lachen, dann mag das eine Sache sein. Eine andere sind die Verlage, die es bis heute nicht wirklich geschafft haben, ihre Angebote an die digitale Neuzeit anzupassen und stattdessen ein #LSR ins Leben rufen müssen. Eben #Neuland.

zur Agentur-Website der Online PR Agentur HenneDigital

{ 3 comments… add one }
  • Christian Buggisch 1. Juli 2013, 12:52

    Ich weiß, das geht am Kern dieses Beitrags vorbei, aber ich halte das „Neuland“-Bild der Kanzlerin immer noch für schief und falsch. „Neuland betreten“ meint sich mit etwas gänzlich Unbekanntem auseinandersetzen, buchstäblich erste Schritte unternehmen, sich mit etwas befassen, das man noch nie gesehen und wahrgenommen hat, wo man sich entsprechend unsicher und vorsichtig bewegt, erste Erfahrungen sammelt. In diesem Sinne ist das Internet nicht Neuland, und kein Mensch bewegt sich in diesem Medium wie vor 20 Jahren – WEIL wir uns schon 20 Jahre in ihm bewegen. Wir, das bin ich, das sind meine Kinder und das sind meine Eltern. Für uns alle ist das Internet kein Neuland. Der Einwand, wir seien nicht repräsentativ, zählt nicht, denn Angela Merkel hat gesagt „für uns alle“ Neuland. Für manche Gruppen und z. B. bildungsferne Schichten mag das Internet Neuland sein, aber das hat sie weder gesagt noch gemeint.

    Das Internet ist also Altland für viele von uns. Was übrigens nicht bedeutet, dass man es in- und auswendig kennt und keine Überraschungen mehr erlebt. In Deutschland entdecke ich auch täglich Neues, dennoch ist Deutschland kein Neuland für mich.

    Sprachkritik Ende, inhaltlich teile ich ansonsten die oben geäußerten Gedanken. :-)

  • Christian Henne 1. Juli 2013, 14:19

    Danke Christian,

    ganz sicher kann man zu Neuland unterschiedliche Meinungen haben. Der Gedanke von Philipp war ganz bewusst, das Thema Neuland nicht inhaltlich sondern aus medialer Sicht zu analysieren. Interessant zu sehen ist, wie groß die Bedeutung von Twitter gemessen an der Reichweite ist. Und wie sehr Massenmedien immer noch darüber entscheiden, was echtes Thema wird und was nicht. Dieser Blick ist für die PR-Arbeit von Unternehmen, Institutionen, Verbänden durchaus wichtig, denke ich.

  • Philipp Hoffrichter 1. Juli 2013, 15:21

    Christian hat die Gedankengänge ja schon wunderbar zusammengefasst, da spar ich mir das an dieser Stelle. Neuland bietet einfach so viele unterschiedliche Diskussionsmöglichkeiten. Aber auf jeden Fall schon einmal vielen Dank für das Feedback.

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