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Pressemitteilung raus und der Countdown läuft. Oder: Das Risiko bei der Jagd nach den schnellen News

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Letztens habe ich von der Leiterin der internetworld.de Redaktion Tanja Gabler gelesen, dass sie in maximal 5 Minuten eine Reaktion einer Pressestelle auf den Aussand einer Pressemitteilung haben möchte. Begründung: Man will ganz vorne dran sein und hat so viele News, dass man ordentlich beschäftigt sei. Kurz danach hat sie sich dann darüber empört, dass die Kölnische Rundschau in ihrem Online-Artikel den Blogger Richard Gutjahr mit dem WeTab Geschäftsführer Helmut Hoffer von Ankershoffen verwechselt hat.

Natürlich hat sie mit letzterem Recht – ein Faux Pas, der journalistisch einfach nicht passieren darf. Doch ist dies nur ein Einzelfall oder häufen sich Falschmeldungen und wenn ja, warum? Sarrazin war eines der heißesten deutschen Themen auf Twitter (noch bevor das Buch erschien), Stuttgart 21 wird im Social Web extrem diskutiert, mit schnellen Youtube-Videos versehen. Ebenso war es rund um die Loveparade. Was tatsächlich vor Ort passiert ist schwer nachzuvollziehen, weil jeder seine Wahrheit zum Allgemeingut erhebt. Im Falle von ARD-Wettermann Jörg Kachelmann ging selbst die Staatsanwaltschaft während eines laufenden Verfahrens an die Öffentlichkeit.

Zeit ist das Kriterium im Social Web!

Twitter hat den Weg und die Geschwindigkeiten von Nachrichten nachhaltig verändert. Twitter ist für die Medien selbst ein ganz wichtiger Kanal, weil sie ihre News hierüber schnell und zielgerichtet verteilen können Aber Twitter macht den Kampf um die heißen News auch vergleichbar. Wer schreibt zuerst in meiner Timeline – das muss auch keine Redaktion mit einem sauber recherchierten Text sein. Nein, da reicht auch eine Info in 140 Zeichen, vielleicht sogar vom Ort des Geschehens versendet. Wir sind angekommen in der Zeit der Live News, in denen für Recherche nur wenig oder gar keine Zeit bleibt.

Ich sehe dies mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Twitter ist ein toller Kanal auch für News aus den Unternehmen. Direkteren und schnelleren Kontakt in die News-Redaktionen gibt es nicht. Wer einem folgt, für den sollten auch die Infos relevant sein. Wenig Streuverlust also. Daran müssen sich die PR-Chefs gewöhnen. Dadurch, dass Twitter zunehmend zu einem Nachrichtenkanal wird, erhöht sich auch der Druck auf die Pressestellen, ihre Inhalte hierüber zu verteilen.

Die erste Story muss sitzen

Aber Vorsicht: Auf Twitter mischen sich Sachinformationen mit journalistischen Inhalten und persönlichen Meinungen. Nicht immer ist dies allein durch den Absender zu identifizieren. Um so wichtiger ist es aus meiner Sicht für Pressestellen, die eigenen Inhalte sauber zu kommunizieren und nicht nur den digitalen Weg zu gehen. Es gibt einfach Themen, die man im direkten Kontakt, über Telefon oder in einem Gespräch, noch einmal erklären kann. Die erste Story muss sitzen. Pressestellen sollten überlegen, ob sie hier Infos nur breit rausgeben oder gezielt Redaktionen bedienen, um die aus Unternehmenssicht richtige Geschichte auch als erstes mit der entsprechenden viralen Wirkung zu lancieren.

Dies gilt vor allem auch für PR-Agenturen, die ja den Großteil der Pressemitteilungen versenden. In den Agenturen ist die Verbreitung zumeist oberstes Ziel. Doch die Gefahr einer negativen Dynamik durch sachlich falsche Informationen ist gestiegen – einfach durch den Kampf um die erste News. Hierüber müssen sich alle Akteure klar sein.

Das zunehmend einfach abgeschrieben wird zeigt das Beispiel WeTab sehr gut, vor allem auch durch den Artikel von Ulrike Langer. Richard Gutjahr mag mit seiner Geschichte als Blogger recht locker umgehen, sie verhilft ihm vielleicht zu noch mehr Popularität. Für ein Unternehmen aber kann eine Verdrehung der Fakten zum echten Problem werden. Und auch wenn eine Redaktion einen Text online schnell verändern kann, die Nachricht kann sich unabhängig davon verselbständigen – die Richtigstellung verhallt.

Dass eine Pressemitteilung nicht alle Fragen klärt, beweist ja auch der Einwurf von Tanja Gabler. Ich gebe Ihr letztlich auch Recht, dass eine Pressestelle nach Aussand einer Mitteilung erreichbar sein muss – und zwar zeitnah. Denn Zeit ist für die Medien DAS Kriterium der Zukunft.

Der Journalist Dr. Hajo Schumacher sagte übrigens auf dem Kommunikationskongress 2010, dass Nachrichten-Redaktionen die Online-Texte teilweise 6, 7 oder 8mal im Nachhinein verändern, weil sich die Faktenlage ändert!!!

Ergo: Eine sachliche und nachvollziehbare Darstellung der Fakten bleibt in der Unternehmenskommunikation allerhöchstes Gut! Vertrauensvolle Kontakte sowieso.

Zitate von Katharina Bochert von spiegel online (getweetet von Sandra Liebich von newsaktuell):

„Viele Redakteure folgen Twitterfeeds von Unternehmen“

„Extrem akribisches Fact checking ist für die Printausgabe Pflicht. So detailliert schaffen wir das online nicht.“

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