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Soziale Wertanlage: Von Sparkasse, Aktienfonds und Schnellschüssen

Ich sage es gleich. Dies wird kein Artikel, der allen erklären soll, wo sie unbedingt hinmüssen, welche Chancen sich jetzt auf Pinterest ergeben, warum ohne Social Media gleich mal gar nix läuft. Nein, ganz im Gegenteil. Mich stört der aktuelle Hype um jede noch so kleine neue Internet-Plattform ziemlich. Also versuche ich mal, ein wenig eine Gegenposition einzunehmen. Nicht der Gegenposition wegen, sondern aus Überzeugung.

Beispiel Pinterest

Gestern veröffentlichte der von mir geschätzte Holger Schmidt eine Pinterest-Statistik. Hauptaussage dieser Statistik: Von Januar auf Februar hat es einen Besucheranstieg um 288 Prozent gegeben.

Pinterest: Besucherzahlen in Deutschland laut Comscore (Quelle: focus.de)

Jeder, der im Internetbusiness gearbeitet hat, wird bei solchen Zahlen skeptisch und fragt sich: Wo ist die absolute Nutzer- bzw. Besucherzahl. Und da sieht es dann schon anders aus. Der enorme prozentuale Anstieg erklärt sich durch das geringe Ausgangsniveau. Pinterest hat die Besucherzahlen von Januar auf Februar von 70.000 auf 270.000 gesteigert. Das ist ein Anstieg um 200.000 in einem Monat. Okay. Aber noch einmal: Das sind Besucher – also Visitors. Keine aktiven Nutzer, so wie es nahezu alle Medien nun leider aufgenommen haben! Dieser Trend kann eine generelle positive Entwicklung sein. Oder nur das Ergebnis einer Welle, die wie so oft durchs Web schwappt, und in der alle mal mitschwimmen und sich anschauen, was neu ist und wovon so viele reden. Mit Blick auf die europäischen Zahlen zumindest sieht man ein Abknicken der Kurve in der Ländern mit den höherem Besucherzahlen (auch das kann nur ein Effekt des Jahreswechsels sein, kann…)

Pinterest: Besucherzahlen im europäischen Vergleich (Quelle: socialmediastatistik.de)

Nun werden einige argumentieren: Ja, aber da sind so viele Frauen drauf, ein weibliches Netzwerk. Ja, das ist interessant. Aber ich denke mal 10 Jahre zurück. Nur weil da ne neue Frauenzeitschrift aufgelegt wurde, haben auch nicht gleich alle ihre Mediastrategie geändert. Geschweige denn ihre PR-Konzepte.

Ich will übrigens gar nicht gegen die First Mover wettern. Die muss es geben, sie sorgen dafür, dass sich Plattformen entwickeln. Und es gibt immer Unternehmen, die das ganze schon im frühen Stadium geschickt für sich zu nutzen wissen. Dies hat auch Johannes Lenz von Grey in Deutschland in Sachen Recruiting getan.

Aber eines scheint mir wichtig: Nur weil irgendwie ein Netzwerk oder eine neue Internet-Plattform aufmacht – und die schnelle Besucher- oder Nutzeranstiege vermeldet, muss das noch lange kein Spielfeld für Unternehmen sein. Wer sagt denn eigentlich, das jedes Netzwerk zwangsläufig business-relevant ist? Vielleicht schaut man sich erstmal an, was die Menschen dort wirklich suchen, wollen, machen?

Wann kommt eigentlich Strategie?

In dem Zusammenhang hat mich dann diese Grafik hier besonders aufgeregt:


Click image to open interactive version (via Simply Business).

Die sagt nämlich aus, dass ich erstmal die Kanäle aussuche, dort Profile anlege – und mir dann Gedanken mache, welche Ziele ich eigentlich verfolge. Sorry??? Seit wann beginnt Strategie mit Kanälen? Wohl seit Social Media. Leider.

Also liebe Unternehmen: Bitte werden Sie sich erst über die Ziele klar. Checken Sie dann Ressourcen, Prozesse, interne Politik. Und erst dann beschäftigen Sie sich mit Kanälen.

Mehr Wert durch Social Media

Worum geht es denn für Unternehmen letztlich? Es geht darum, Effekte für Marketing, Kommunikation und/oder Verkauf, Recruiting, Service zu erzielen. Und mehr und mehr setzt sich die Überzeugung durch, dass sich die digitale Welt in einem grundlegenden Wandel befindet, den Unternehmen mitgehen müssen.

Versuchen wir mal den Vergleich zur Kapitalanlage: Ich versuche also Wertsteigerung –das ganze aber mit Vernunft, um Chancen und Risiken auszubalancieren. Normalerweise folgt daraus ein Split, der eher sichere, langfristige Anlagen mit kurzfristigen Anlagen, die schnellen Ertrag versprechen, kombiniert. Und dann hat man auch immer noch was auf den eigenen Konten. Meistens ganz wenig direkte Wertsteigerung, aber größte Sicherheit und irgendwie auch die Verwaltungs-Basis, um in die anderen immer wieder investieren zu können.

Ich versuche das mal ohne Anspruch auf Vollständigkeit einzuordnen (für alle zu ernsten Social Media Berater: mit ein wenig Augenzwinkern):

Die Sparkasse: Da liegt das eigene Kapital sicher. Da zahle ich regelmäßig ein. Darauf verlasse ich mich.
Corporate Website, Newsroom, Corporate Blog

Investment-Fonds: Ich nehme die erfolgreichsten Aktien, baue mir daraus ein Portfolio, von dem ich glaube, dass es mittel- bis langfristig Effekte bringt. Punktuelle Schwankungen kalkuliere ich ein.
YouTube, Facebook, Google+, Twitter

Einzelaktien: Teilweise mit schnellen Effekten, teilweise schon wieder ohne Wert. Da schieße ich immer mal schnell, in dem Wissen, dass nicht jeder Schuss ein Treffer ist. Vielleicht rutschen die irgendwann in meinen Investmentfonds, vielleicht auch nicht.
Path, Groupon, Pinterest, Foursquare, und, und, und…

Und auch seine scheinbar tollen Investmentfonds sollte man beobachten. Vielleicht ändert sich da ja auch mal was. Also wenn zum Beispiel Facebook mit seinem Social Graph dafür sorgt, dass nur noch ein Bruchteil der Fans einer Seite auch die Updates sehen (EdgeRank). Und für mehr Reichweite Premium-Dienste gegen Bezahlung angeboten werden.

Es gibt ihn immer mal wieder, den Gamechange, aber man sollte gerade als Social Media affiner Dienstleister seinen Kunden auch sagen, dass vor allem der User entscheidet, was funktioniert und was nicht. Ein Gamechange kann nämlich ebenso zu negativen Effekten führen.

Ergo?

Lasst uns den Dampf aus dem Social Media Kessel nehmen. Es braucht klare Ziele, sonst fehlt die Orientierung. Es braucht Strategie, auch für kurzfristige Aktionen. Es braucht Investment, auch im Social Web.

Ich empfehle allen Unternehmen als Beispiel einmal Mercedes-Benz, die gerade ihren eigenen Webauftritt neu gestaltet haben. Und das mit einer sehr klugen Verbindung zu Social Media. Hier sieht man einen Plan und eine Überzeugung. Und das wird mittel- und langfristig zumindest kommunikativ Früchte tragen!

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zur Agentur-Website der Online PR Agentur HenneDigital

{ 35 comments… add one }
  • Daniel Rehn (@danielrehn) 21. März 2012, 10:11

    RT @Christian_Henne Der Hype um #Pinterest: Über Sparkasse, Schnellschüsse und soziale Wertanlage http://t.co/RUjlMuR2 #PR #SoMe #Strategie

  • Robert 21. März 2012, 10:11

    Danke Christian für diesen Beitrag und eine weitere kritische Äußerung zu diesem Diagramm von SimplyBusiness, das vor einiger Zeit die Runde gemacht hat, ich stimme dir da voll und ganz zu.
    Ich halte es ebenfalls für schrecklich falsch Marketing mit der Auswahl an Kanälen zu beginnen, ohne vorher Ziele bzw. die Zielgruppe abzustecken. Ohne eine vernünftige Strategie geht nichts, es sei denn man will so enden wie die Deutsche Bahn im ersten Versuch… 😉

  • Fabian Müller (@de_Tocqueville) 21. März 2012, 10:13

    RT @uknaus: Pinterest: Lasst uns den Dampf aus dem Social Media Kessel nehmen. http://t.co/riYfgRF2

  • Tapio Liller (@tapioliller) 21. März 2012, 10:22

    True stuff. RT @Christian_Henne: Der Hype um #Pinterest: Über Sparkasse, Schnellschüsse und soziale Wertanlage http://t.co/uMtiq9eA

  • Dr. Marco Dick (@CommaFactory) 21. März 2012, 10:32

    RT @uknaus: Pinterest: Lasst uns Dampf aus dem Social Media Kessel nehmen – http://t.co/mFEiftR9 … dazu passt: http://t.co/iYLfZNgK 😉

  • Christian (@socbe) 21. März 2012, 10:44

    Eine besonnene Stimme zum ewigen #socialmedia Plattform-Hype (hier: #pinterest) RT @commafactory @uknaus: http://t.co/zWy7A3uU

  • Beate Mader (@horsemaid) 21. März 2012, 10:55

    Der Blog-Artikel spricht mir aus der Seele: erst eine Strategie und dann loslegen! Der Vergleich mit den Geld-… http://t.co/XrTZjJKl

  • Markus Pflugbeil (@MarkusPfl) 21. März 2012, 10:56

    Richtig! Unternehmen: Bitte werden Sie sich erst über die Ziele klar. #pinterest und der #socialmedia hype http://t.co/V8NxA9L1 via @uknaus

  • Redaktion acquisa (@acquisa) 21. März 2012, 11:00

    lesenswert: @Christian_henne über #Pinterest, den Hype und die fehlende #SocialMedia Strategie vieler Unternehmen http://t.co/z6qDFuz6

  • Wolfgang Kerner (@WKerner) 21. März 2012, 11:08

    Pinterest und der Social Media Hype: Von Schnellschüssen und Aktien http://t.co/uPeS8DcQ

  • „Lasst uns den Dampf aus dem Social Media Kessel nehmen. Es braucht klare Ziele…“ http://t.co/Kw4I3bqy @christian_henne

  • Caspar Lösche (@casparloesche) 21. März 2012, 11:51

    A rant? No, he’s just talking sense RT“@acquisa: lesenswert: @Christian_henne über Social Media Hype http://t.co/zF4zAYEr”

  • Florian Schrodt (@Schrodi82) 21. März 2012, 12:26

    Lesenswert: das 1×1 von Social Media Investments RT @Christian_Henne: http://t.co/BCP36y8F

  • Dennis Horn (@dennishorn) 21. März 2012, 15:00

    „Lasst uns den Dampf aus dem Social-Media-Kessel nehmen.“ Wahre Worte zum beknackten @pinterest-Hype. http://t.co/WkdILXAo. (via @uknaus)

  • Sabine Haas (@sabinehaas) 21. März 2012, 15:12

    Ein schön bissiger Artikel zum „Plattform-Hype“ bei #SocialMedia. http://t.co/hwCySmto

  • Andreas Block (@andreasblock) 21. März 2012, 15:35

    Alles nur Hype? Warum man in Sachen Social Web etwas vorsichtiger bei Schnellschüssen sein sollte: http://t.co/NLUSdG1S via @christian_henne

  • Social Media Club (@smClubAustria) 21. März 2012, 17:23

    Pinterest Hype? Nehmen wir einmal en Dampf aus dem Social Media Kessel http://t.co/DDeWWIYE via @danielrehn

  • Floh (@Flohrida) 21. März 2012, 18:12

    Sehr gut geschrieben, erklärt und verbildlicht: @Christian_Henne zum Thema #pinterest und #SocialMedia hypes http://t.co/dgB0Py4d”

  • Tweeted Times Top (@TwtTimesTop) 21. März 2012, 21:03

    Pinterest und der Social Media Hype: …: http://t.co/gHVTmEp9 most discussed on @gustavosalami/social-media (http://t.co/GZmXIuG7)

  • Jan 22. März 2012, 13:49

    Die Grafik von Simply Business kannte ich ja noch gar nicht 🙂

    In jedem Fall ein sehr lesenswerter Beitrag! Danke!

  • Frank Hamm 26. März 2012, 09:38

    Hallo Christian,

    als Person bin ich jemand, der gerne „mal etwas Neues probiert“. Das Ausprobieren gehört dazu, um sich mit neuen Entwicklungen vertraut zu machen. Doch zunächst überlege ich mir, ob das Neue (Thema, Plattform, Tool…) grundsätzlich in Frage kommt. Und nach einer ersten kurzen Phase überlege ich mir, ob und wie das Neue in meine Aufgabenstellungen und Wünsche („Strategie“) reinpasst und ob es mir etwas bringt („ROI“).

    Unternehmen müssen sich mit Veränderungen und Entwicklungen auf ihrem Markt / ihren Märkten beschäftigen. Wie Du so schön ausgeführt hast, müssen sie eben nicht am Tool sondern an Zielen und Strategie anfangen und sich nicht überall an der Schlange anstellen, bloß weil „die anderen das auch machen“. Das Neue muss zu ihrer Vision, ihren Zielen und ihren Strategien passen. Im Social Web müssen Unternehmen analysieren, wo ihre Anspruchsgruppen sind (oder gerade hingehen). Dabei kann es durchaus sinnvoll sein, eine schon lange vorhandene aber ansonsten vollkommen unbekannte Plattform zu nutzen.

  • Christian Henne 27. März 2012, 08:50

    Absolut Frank. Da sind wir uns einig. Ich erwarte sogar von jedem, der im Bereich Digital auch auf Unternehmensseite arbeitet, dass er neue Plattformen schnell ausprobiert. Das gilt auch für Pinterest. Mache ich ja auch. Mir geht es um die Bewertung des ganzen. Nur weil jemand ein paar Unternehmensfotos auf Pinterest verlinkt ist das noch lange keine erfolgreiche Social Recruiting Kampagne. Und nur weil da mal in einem Monat eine Welle drauf schwappt, ist das noch lange keine Plattform, an der man nicht vorbeikommt. Dieser ganze Channel Hype nimmt der Bedeutung der digitalen Welt – inkl. Social Media – die Seriosität. Ich möchte zumindest für HenneDigital klar stellen, dass wir so nicht beraten. Und ich werbe für eine Art Reality-Check, um dann zu einer echten Strategie zu kommen. Es gibt Verantwortliche großer Unternehmen in Deutschland, die mich in dieser Einschätzung bestärken. Zum Glück.

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