Die Kommunikationsexplosion und der Platz an der Steckdose: Christians Resumée der re:publica 2011

by Christian Henne on 16. April 2011

Post image for Die Kommunikationsexplosion und der Platz an der Steckdose: Christians Resumée der re:publica 2011

Ich habe noch in Berlin und dann auch im Flieger zurück nach München intensiv darüber nachgedacht, was die re:publica 2011 denn nun für mich bedeutet hat, wie ich sie einschätze. Das musste ich auch tun, denn am Freitag Vormittag bekam ich via Twitter von Radiomoderator Daniel Finger von radio eins in Berlin die Anfrage, ob ich nicht am Samstag in einem Interview meine Eindrücke wiedergeben könnte, ich würde ja schließlich so viel über die Veranstaltung twittern. Deshalb habe ich meine Eindrücke noch am Freitag am Spreeufer in Berlin schnell direkt von meinem MacBook aus aufgezeichnet (Video rechts im Kasten)

Der Platz an der Steckdose

Und irgendwie bin ich mit dieser Anfrage meiner Bewertung schon etwas näher gekommen. Denn: Diese Anfrage zeigt das enorme Potential und gleichzeitig die Veränderung, die die digitale Welt mit sich bringt. Es mag dem Besucher zunächst etwas strange vorkommen, dass in den Sessions nahezu jeder mit einem Notebook, iPad oder Smartphone sitzt und auf das Gerät schaut bzw. etwas eintippt. Plätze in der Nähe von Steckdosen wurden hoch gehandelt, eine Überlastung des WLAN-Netzes wurde als Drama empfunden. Man mag auch behaupten, dass die Aufmerksamkeit für den Vortragenden etwas verloren geht. Was sich aber nicht abstreiten lässt ist: Etwa 3000 Besucher vor Ort treiben die Botschaften der re:publica nahezu in Echtzeit in die sozialen Netzwerke und schaffen damit eine Reichweite, die die Konferenz selbst nie erreichen könnte. Der Veranstalter selbst stellt wichtige Sessions per Videostream online. Diese hier von Gunter Dueck ist übrigens absolut zu empfehlen:

Twitter ist übrigens der Kanal der Wahl bei den “re:publicanern”. Persönliche Gespräche beginnen mit dem Blick auf die Namenskarte und der Frage nach dem Twitternamen. Dann wird im Smartphone schnell gesucht, gefolgt… und dann erst kann das persönliche Gespräch beginnen. Und dennoch ergeben sich genau durch Kanäle wie Twitter Verbindungen, die anders nicht denkbar wären. Vor einigen Wochen schrieb ich mit ein paar Leuten auf Twitter zu den Eigenheiten von Großstadt-Bewohnern in Deutschland. Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion um Frankfurt, München, Berlin, den Ruhrpott. Kurzerhand wurde beschlossen, das auf der re:publica zu vertiefen. Am Ende saßen wir mit ca. 70 Menschen am Donnerstag Abend im Base_Camp der E-Plus-Gruppe in Berlin. (Danke noch mal an dieser Stelle). Und da quatschten dann ein Anzeigenleiter, ein Buchautor, ein Social Media Verantwortlicher eines Stromanbieters und ein selbständiger Berater mit Freizeit-Twitterern und ein paar Social Media Verantwortlichen von 1&1. Definitiv undenkbar ohne soziale Netzwerke, denn so gut wie niemand hatte sich vorher persönlich mal gesehen.

Was die Konferenz inhaltlich angeht, so gingen die Meinungen vor Ort auseinander. Interessante Session waren schnell voll, einige einfach zu banal, so die Einschätzungen einiger meiner Gesprächspartner. Die re:publica selbst ist ja eher eine, na ich sage mal politisch-kulturell-intellektuell angelegte Konferenz zum digitalen Lifestyle. Es ging um Sprache, um die Frage, ob uns Ordnung und Struktur noch wichtig ist, wie Schule zukünftig organisiert werden muss, ob Daten das Problem der Zukunft sind, wie sich der Protest gegen Stuttgart 21 im Web formiert hat.

Die digitale Gesellschaft und Kommerz?

Was mir persönlich etwas gefehlt hat: Die Integration des Kommerziellen. Ich will es erklären: Man mag zunächst dagegen halten, dass es für des Geschäft in Social Media andere Konferenzen gäbe und dass Kommerz eben nicht alles ist. Ich aber sage: Auf der Konferenz sitzen ca. 80 % der Leute mit den neuesten Apple-Produkten. Das ist Kommerz. Ein YouTube-Experte erklärt, wie man dort Klicks generiert und sein Geld verdient. Das ist Kommerz. Die meisten der Teilnehmer verdienen Ihr Geld in der digitalen Welt. Als selbständige Berater, als Mitarbeiter in Agenturen oder Unternehmen, als Start-Up-Gründer. Sie haben also durchaus ein wesentliches kommerzielles Interesse – persönlich und/oder für ihre Kunden. So lange wir das Kulturelle vom Kommerziellen zu trennen versuchen, wird sich der Kommerz auch nicht wesentlich verändern.

Die Chance liegt meines Erachtens darin, die im Moment zweifelsfrei in Gang gekommene kulturelle Umwälzung zu nutzen, um auch unser Kaufverhalten, den Einfuss auf Unternehmen, die Produktentwicklung zu verändern. Und dies sollten genau solche Menschen mit vorantreiben, die mit viel Idealismus auf der r:publica unterwegs sind. In einem Gespräch sagte mir jemand: “Was mich an Berlin stört ist, das wir hier alle so schlau sind, Dinge erfinden und vorantreiben. Aber das Geschäft wird woanders gemacht.” Zumindest gab es im Quatsch Comedy Club am letzten Tag mehrere Sessions zum Thema Crowdfunding. Dies geht in die von mir angesprochene Richtung.

Die Zukunft wird zeigen, ob die Geschäftswelt mit der jungen digitalen Welt und den Menschen, die diese Welt wesentlich beeinflussen und verändern, zusammenwächst. Hier liegt meines Erachtens die große Herausforderung. Denn Apple, Google oder Facebook zeigen: Wirklich verändern kann in unserer Welt heute nur das, was auch wirtschaftliche Bedeutung erlangt. Und am Ende finden wir das dann ja auch gut.

Zum Schluss noch eine Anekdote, die zeigt, dass auch im digitalen Lifestyle Schein und Sein manchmal weit auseinander liegen. Auf dem Rückflug saß neben mir ein Mann, der sein iPad2 einschaltete, um über foursquare einzuchecken. Aber nicht für den airberlin Flieger sondern für die Lufthansa Senator Lounge.

Mein Interview mit radioeins gibt’s hier direkt zum Reinhören

__________________________________________
zur henne.digital Agentur-Website? Social Media Strategie

Comments

{ 1 comment… read it below or add one }

Martin Weigert April 16, 2011 um 12:57

Die Integration des Kommerziellen hat mir auch gefehlt, wobei dies letztlich a) vorhersehbar war und b) ganz einfach mit der persönlichen Haltung der Initiatoren zusammenhängt. Von daher sehe ich dies für mich selbst nicht als Kritikpunkt. Man weiß vorher, was man kauft.

Die rp zeigt eben sehr schön, wie heterogen die von außen als homogen (aka Internetgemeinde) wahrgenommene Gruppe der Digital Natives ist.

Antworten

Leave a Comment

{ 4 trackbacks }

Previous post:

Next post: