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Sascha Lobo ist für mehr Beleidigungen im Netz: „Spinnst Du, alter Irokese?“

Ich habe mich heute schon sehr gewundert. Da schreibt Sascha Lobo auf spiegel online über Schmähungen und Beleidigungen im Internet – und fordert ganz offen dazu auf, sich mit solchen Dingen nicht zurückzuhalten. Im Gegenteil:  Es müsse nun eine vernünftige „Beleidigungskultur“ entwickelt werden. Seine Hauptbegründung: Wenn man Politiker beleidigen kann, warum dann nicht auch jeden anderen. Und wer im Netz ist, der ist quasi Person des öffentlichen Lebens.

Ich will mal versuchen, hierauf zu antworten. Und zwar in zwei Varianten. Einmal in der Variante, die ich vorziehen würde und einmal à la Lobo.

Zuerst so, wie ich es für angemessen halte:

„Lieber Herr Lobo,

mich wundert der Ruf nach einer „Beleidigungskultur“ im Internet doch sehr. Wir leben in einer Zeit, in der wir uns im Fernsehen über das Vorführen von Menschen und den ständigen Voyeurismus ärgern. Uns stört der Stil von Politikern, sich in Talkshows fast nur gegenseitig an die Wand zu reden. Wir erleben den Hass von Fußballfans in unseren und ausländischen Stadien. Wir sind stinksauer über den Umgang mit Demonstranten in Stuttgart. Was gab es für einen Aufschrei rund um das Buch von Thilo Sarrazin. Wir diskutieren über zu hohen Leistungsdruck, Versagensängste und Burn-Out. All diese Probleme sind bisher zu großen Teilen Menschen des öffentlichen Lebens vorbehalten. Politikern, Sportlern, Showstars. Wollen wir auch Privatpersonen zunehmend in diese Probleme bringen?

Jede Öffentlichkeit bringt auch öffentlichen Druck mit sich. Dieser entsteht schon im Freundeskreis oder auf dem Schulhof. Dort aber in einem überschaubaren Kreis, der zumeist selbst ausgesucht ist. Wird nun Meinung öffentlich publiziert, so erweitert sich der Kreis derjenigen, die teilhaben können. Es entsteht der endgültige Kontrollverlust für die Person, die angegriffen wird. Und genau deshalb bin ich für das Gegenteil einer Beleidigungskultur, nämlich für eine Respektkultur, die wiedergewonnen werden muss. Wenn ich eine politische Meinung nicht mehr kundtun kann, ohne dafür öffentlich beleidigt zu werden, dann wird es eng mit der freien Meinungsäußerung. Und mit der Meinungsvielfalt, denn dem Druck werden sich die meisten beugen und sich zurückziehen.

Ich bin der festen Meinung, dass wir in der Öffentlichkeit alle respektvoller miteinander umgehen sollten. Das gilt auch für Äußerungen im Internet. Da nehme ich Politiker oder Sportler nicht aus. Wer Fußballspieler auf Facebook in bestimmten Gruppen beleidigt und ihnen den Tod wünscht, der sollte an Robert Enke zurückdenken. Dies nur als stellvertretendes Beispiel. Es geht hier nicht um Recht und Gesetz, es geht um den richtigen Umgang miteinander. Letztlich geht es also um ethische Grundsätze.“

So, und nun die Variante à la Lobo:

„Spinnst Du, alter Irokese? Du hast sie doch nicht alle. Sich erst an die Wirtschaft verkaufen und in Werbefilmen mispielen, sich dann vor den Karren des Spiegel spannen und nun willst Du auch noch andere beleidigen. Sonst machste immer schön auf sozial, aber wenn’s um die Kohle geht, scheint Dir keine Provokation zu gering. Scheinbar verkauft sich Dein Buch nicht gut genug, was? Frage mich eh, wie spiegel online Dich überhaupt verpflichten konnte, wahrscheinlich haben die so günstig keinen anderen bekommen. Hab mal was von Dir gehalten, aber da lag ich wohl komplett daneben.“

Ich überlasse es dem geneigten Leser und vielleicht auch Sascha Lobo selbst (wenn er es denn liest), zu entscheiden, was er für den besseren Weg hält. Bedacht werden sollte auch immer, was denn je nach Variante entstehen würde. Oder mal anders gefragt: Wäre in der Lobo-Variante eine sachliche Diskussion überhaupt noch möglich? Aus Respekt habe ich in dieser Variante auf weitere persönlichere Beleidungen verzichtet. Es wäre auch eine andere Wortwahl möglich gewesen…

Meinungen zum Thema gibt es auch hier

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zur henne.digital Agentur-Website? Blogger Relations

{ 7 comments… add one }
  • Sascha Lobo 16. Februar 2011, 19:19

    Wenn Sie mir die Stelle in meinem Text zeigen, in der ich angeblich „für mehr Beleidigungen“ plädiere, dann bekommen Sie gern ein Bier.

    Wenn nicht, könnte ich Sie einfach wegen übler Nachrede verklagen. Mir fehlerhafterweise zu unterstellen, dass ich für mehr Beleidigungen bin! Das ist Rufschädigung! Eine Unverschämtheit, die gesühnt, geahndet, bestraft werden muss und zwar mit einer kostenbewehrten Abmahnung samt Unterlassungserklärung!!1!

    Und genau deshalb habe ich diesen Text geschrieben, verstehen Sie?

  • Christian Henne 16. Februar 2011, 19:30

    Lieber Herr Lobo,

    ich denke schon, dass ich das ganze verstanden habe. Nur ein Zitat an dieser Stelle aus Ihrem Text: „Schmähungen und Abfälligkeiten müssen straffrei möglich sein, der Gesetzgeber sollte im Netz einen entspannteren Umgang mit Beleidigungen aller Art fordern und fördern.“

    Mir geht es auch gar nicht darum, dies im einzelnen auseinanderzunehmen, sondern um die Grundtendenz. Ich bin davon überzeugt, dass das Internet ein toller Ort ist, Meinungen auszutauschen, aufzuklären, auch zu streiten. Dazu gehören Kontroversen wie diese. Und um so schöner ist es, wenn man diese Kontroversen in einem sachlichen und respektvollen Miteinander führt. Dann werden sich die Menschen auch beteiligen.

    Wie man mit Beleidigungen rechtlich umgeht ist eine Sache, die andere Sache ist, eine entsprechende Kultur zu fordern. Denn dies impliziert die allgemeine Akzeptanz von Beleidigungen. Damit habe ich meine Probleme.

  • Angelica Bergmann 16. Februar 2011, 20:16

    Lieber Herr Henne,

    danke für Ihre beiden sehr zutreffenden Texte! ich stimme Ihnen voll und ganz zu. Die Tatsache, dass immer mehr Menschen den Reiz und die Chancen der sozialen Medien erkennen und sich, anfängliche Hemmungen oder auch Scham überwindend, dort „frank und frei“ und unter Preisgabe ihrer „echten“ Identität (mit Foto und „Klarnamen“) austauschen, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass man sich mit jedem Post und jedem Tweet öffentlich ein Stück auszieht. Wer nackt dasteht, ist angreifbar – in einem interaktiven Medium noch mehr, da jeder User in Echtzeit reagieren kann und jede (auch noch so unqualifizierte) Meinung aufgrund der Vernetzung blitzschnell eine große Zahl an Menschen erreicht. Jeder, der früher Briefe geschrieben hat und nun zig E-Mails pro Tag „raushaut“, weiß, wie groß der Unterschied in Form und Qualität zwischen beiden ist. Umso wichtiger ist es, sich im Social Web wenigstens auf ein paar Grundsätze der menschlichen Kommunikation zu einigen (oder zurück zu besinnen). Schon der alte Kngigge wusste: Höflichkeit dient in erster Linie dazu, das Miteinander im Alltag für alle erträglicher zu machen. Dies gilt in der digitalen Welt von heute und für den Austausch in sozialen Medien gleichermaßen.

    • Dan @Flirten Lernen 11. März 2012, 12:25

      ich kann ganz ehrlich die Diskussion nicht nachvollziehen…zum einen ist eine Beleidigung eine Beleidigung. Der Unterschied ist mEn nur, dass der Äussernde sich eigentlich in seinen 4 Wänden allein – ungehört – fühlt, während er sich natürlich öffentlich äußert…und sogar googlebar für die Internet Ewigkeit

      ich halte ein Löschmöglichkeitszwang für wesentlich wichtiger, denn anders als das verhallende Wort verhallt nichts im Internet

      andererseits wundere ich mich immer über diese gedrechselten Diskussionen über das Ínternet, meistens von – nicht in diesem Fall! – von Leuten, die nur über sich Lesen wollen…

      ich bin 24/7 online und aktiv, und bin noch nie beleidigt worden oder glaube beleidigt zu haben

      auch dieses Friedrich-Gerede für mehr Sicherheit verkennt völlig die normale Internet Wirtklichkeit…klar gibt es auch hier gefährliche Elemente, aber nicht mehr als in Hamburg oder München… ich halte eher dieses „Mutti, das Internet ist gefährlich, wählt mich!“ Gerede für sehr gefährlich…cui bono?

      nein… das ganze dient nur dazu, mehr „Rechte“ für den Staat zu fordern…gegen den Bürger…und diese Diskussion ist für mich der kleine Bruder der politischen Diskussion

      meine 2ct

      Dan

  • Tobias Claren 1. Juli 2012, 19:22

    Ja, “Schmähungen und Abfälligkeiten müssen straffrei möglich sein, der Gesetzgeber sollte im Netz einen entspannteren Umgang mit Beleidigungen aller Art fordern und fördern.” ist absolut richtig.

    Das ist nicht die Forderung nach mehr Beleidigungen als Stilmittel, sondern die Freiheit nicht dafür belangt zu werden.
    Natürlich könnte das zu mehr Beleidigungen führen, ja und?
    So wie es in den meisten Ländern (wohl so gut wie überall in den „westlichen Ländern“) üblich ist.

    Ich wünsche mir den Typus radikalen Lokalradiomoderator der über Lokalprominenz und Landesprominenz herzieht.
    Solche Sendungen gibt es wohl bei einigen lokalen Radiostationen in den USA

    Hier ein schöner Text dazu:
    http://rechtsanwalt-andreas-fischer.de/__oneclick_uploads/2010/01/die-beleidigungsgesetze-in-deutschland.pdf

    Alternative: http://www.eucars.de/images/stories/beleidigung_de.pdf

    Zitat:
    XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX
    „Wie man sieht: Die Gerichte sowie deutsche Staatsjuristen, statt das Geschäft zeitgemäß abzubauen, haben auf
    das Fundament dieses ‚infantilen Ehrenkults‘ (etwa aus dem „Zeitalter des Monokels“ 1927) eine florierende
    „Beleidigungsindustrie“ aufgebaut. Der Staat Großbritannien hat, gemäß seiner 1927 bereits begonnener
    Entwicklung, seine Gesetzgebung wegen Beleidigung drastisch abgebaut, bis nur die schriftliche Beleidigung
    („Libel“) unter ganz bestimmten Umständen übrig blieb. Die nachstehende tabellarische Darstellung – 1 Fall (GB)
    mit 190.000 (DE) kann man nicht sinnvoll durch eine Grafik veranschaulichen – macht dies klar.

    (…)

    Was die Beleidigungsdelikte im Gesamtumfang der Fälle zum Strafrecht ausmacht, sind erstaunliche 20% im
    Jahre 2005. Daran kann man wahrlich gut erkennen, wie sehr deutsche Staatsjuristen an ihren
    „Beleidigungsdelikten hängen.
    Die Stellungnahme des KSZE (Kommittee für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) zu den Strafgesetzen
    einiger Staaten gegen ‚Beleidigung‘ von 24. Mai 2002 lautete übrigens:
    „Strafgesetze gegen Beleidigung und Diffamierung werden häufig als nötige Abwehr gegen
    angeblichen Missbrauch der Meinungsfreiheit gerechtfertigt. Sie sind aber mit OSCE Normen nicht
    konform und deren Anwendung bildet einen Verstoß gegen das Recht auf freie
    Meinungsäusserung.“.
    Deutschland fällt nicht nur wegen der Pflege solcher Gesetzgebung auf, sondern durch den Exzess, den es auf der
    Grundlage solcher Paragraphen“
    XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX

    Solange man dafür belangt werden kann, wenn man im Internet z.B. einen Politiker beleidigt, verunglimpft usw., ist es absolut nicht „feige“ wenn man das anonym macht.

    Daher werde ich dafür mal eine Webseite starten.
    Und der Erfolg misst sich daran wie viele Staatsanwälte oder gar Landesstaatsanwälte (oder was es über den 08/15-SAs gibt) dagegen ermitteln. Wie viele Sendungen „erschüttert“ darüber berichten.
    Ich erinnere da nur an Rottenneighbor und IshareGossip.
    Im Gegenteil, ich würde noch die Staatsanwaltschaften die gegen mich (bzw. meine Identität) ermitteln, auf der Seite verhöhnen. Oder auch Aufzeichnungen vom AB (man kann ja heute einen kostenlosen anonym zu betreibenden AB im Netz bekommen) veröffentlichen. So wie der Wulff der Bild sauer auf den AB gequatscht hat, könnte das auch verhöhnten Gegnern oder ihren Anwälten oder sogar einem Staatsanwalt geschehen.

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