≡ Menu

Der König ist tot. Es lebe der König!

Ein Kommentar zum Aus der Financial Times Deutschland.
Von Christian Henne

Erst die Frankfurter Rundschau, nun die Financial Times Deutschland. Der Journalismus in Deutschland erfährt einen Niederschlag nach dem anderen. Print stirbt. Print ist tot. Sagen viele. Und streiten über die Deutungshoheit, wo denn nun die Gründe liegen. Überheblichkeit sagen die einen. Keine Konzepte meinen die anderen. Und es gibt nicht wenige digitale Meinungsführer, die sich über den Begriff Qualitätsjournalismus belustigen. Und ihm damit die Rolle gleich ganz absprechen. Die Diskussion um das Leistungsschutzrecht befeuert die Debatte und verschärft sie. Es vertieft die Gräben. Google auf der einen Seite. Die Verlage auf der anderen. Die Menschen in den vielen Redaktionen in Deutschland – dazwischen. Unterbezahlt. Überarbeitet. Überfordert.

Nun, die klassischen Printmedien stecken zweifellos in einer Krise. Die digitale Entwicklung ist zu schnell für die Blattmacher, die Verschiebung von Werbegeldern ins Web ist ein Befund. Antworten darauf sind schwierig und brauchen Zeit. Doch die wollen viele dem Journalismus nicht geben. Dabei kennt man das doch aus dem Netz nur zu gut.

MySpace startete vor Jahren mit großem Tamm-Tamm. Oder StudiVZ. Heute belächelt oder ganz verschwunden, wie viele andere Start-Ups auch. Posterous – geschluckt. Twitter beklatschen alle. Aber wo sind die Erlöse? Die Modelle? Facebook hat Instagram für eine Mrd. US-Dollar gekauft, ohne dass dort je ein Dollar erwirtschaftet wurde. Börsenfantasie mit massiven Kursverlusten. Zalando schreit vor Glück. Schreibt man dort schwarze Zahlen? Unbekannt. Das Web rast. Und es frist seine Macher teilweise selbst. Es ist ein Kennzeichen der neuen digitalen Welt, dass es viele Chancen gibt, aber viele Ideen und Konzepte von der enormen Dynamik wieder zerstört werden. Am Ende bleiben große globale Konzerne. Lokale Anbieter haben es schwer. Es geht um Reichweite, um Investoren. Das ist kein Problem des Journalismus!

Doch wo liegt die Chance derer, die in den Redaktionen sitzen und teilweise Artikel für 10 oder mehr Ausgaben machen, die das ganze für Print und online und am besten noch ein Magazin aufbereiten müssen. Agenturmeldungen mit eigener Webrecherche mixen. Und sich dann auf Twitter & Co. anhören müssen, wie hinterher sie der ganzen Entwicklung doch sind? Die Zukunft liegt womöglich nicht in tollen Medienmarken, sondern in richtig guten Journalisten-Marken. Gute und Blatt-ungebundene Journalisten gab es immer. Die Chancen für sie könnten in der digitalen Welt steigen. Vorausgesetzt: Sie selbst und ganz persönlich lassen sich darauf ein und machen sich unabhängiger von der Politik der Verlage.

In einem Web voller Meinung sind recherchierte Fakten und sachliche Aufbereitung ein hohes Gut. Allen, die sich von Unternehmens- oder PR-Seite die Hände reiben sei gesagt: Die Unsicherheit steigt, je mehr pure und schnelle Meinung die öffentliche Wahrnehmung prägt. Wir alle sollten ein Interesse haben an Qualität in der Berichterstattung. Ob diese auf Papier oder digital stattfindet, ist nicht das Hauptkriterium.

Es war im Journalismus schon immer so: Qualität setzt sich durch. Und Persönlichkeiten haben in der digitalen Welt von heute und wohl auch morgen mindestens so große Chancen wie Marken. Also, es ist nicht die Zeit für Nachrufe. Es ist Zeit für Aufbruch. Und für Unterstützung auch von denen, die sich schon länger im Web austoben. Die digitale Welt kann’s gebrauchen!

Der König ist tot. Es lebe der König! 

 

Christian Henne studierte Kommunikationswissenschaften und arbeitete mehrere Jahre für verschiedenen Verlage und Printredaktionen. Heute berät er Unternehmen in digitalen Kommunikationsstrategien.

Seine aktuelle Initiative heißt Journalists going digital für alle Journalisten mit Interesse an digitaler Entwicklung. Beitritt erwünscht.
auf Facebook
auf Google+ 

 

{ 0 comments… add one }

Leave a Comment